Jedermann
  Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes - von
Hugo von Hofmannsthal

  Salzburger Festspiele Sommer 2004 - 2006

Die Spielansager, zerlumpte Bauernkinder mit Musikinstrumenten, kündigen das 'geistlich Spiel' an und bitten das Publikum, daraus auch eine Lehr' zu ziehen.
Gott beklagt, daß man ihn auf der Erde nicht mehr schätzt. Also beschließt er, die Menschen durch den Tod wieder an seine Macht zu erinnern. Er trägt dem Tod auf, zu Jedermann zu gehen und ihn vor das göttliche Gericht zu rufen.
Jedermann prahlt mit seinem Reichtum und befiehlt seinem Hausvogt, daß er ihm einen Geldsack bringe, damit er das Grundstück, das er kaufen will, bezahlen kann. Er will dort einen Lustgarten anlegen, als Geschenk für seine Buhlschaft. Auf dem Weg dorthin begegnet Jedermann einem armen Nachbarn, der ihn um ein Almosen bittet. Doch Jedermann gibt ihm nur einen Schilling. Als der Nachbar an seinen christlichen Glauben appelliert, weist er ihn ab.
Auch trifft er auf einen seiner Schuldknechte, der ihn bittet, seinen Schuldbrief zu zerreißen. Doch Jedermann verweigert dies und läßt ihn in den Schuldturm sperren. Er kennt kein Erbarmen, doch weil ihn die Frau des Schuldknechts so bittet, erklärt er sich bereit, ihr und ihren Kindern ein dürftiges Auskommen zu gewähren.
Nach dieser Begegnung vergeht Jedermann die Lust, das Grundstück für den Lustgarten zu besichtigen, und er beschließt, zu seiner Buhlschaft zu gehen. Doch kaum verläßt er das Haus, trifft er seine alte Mutter. Diese hält ihm, wie schon oft, sein Verhalten zu Gott vor.
Kaum hat ihn seine Mutter verlassen, kommt seine Buhlschaft, um ihn zum vorbereiteten Fest abzuholen. Auf dem Fest jedoch fühlt sich Jedermann schwach und hat seltsame Erscheinungen. Keiner außer ihm kann das Glockenläuten hören. Als er plötzlich sagt, er höre jemanden seinen Namen rufen, denken seine Gäste, daß er Fieber habe. Doch Jedermann hat es mit der grausamen Wirklichkeit zu tun. Als er sich umblickt, steht ein ihm unbekanntes Wesen hinter ihm, der sich als Tod zu erkennen gibt und ihn auffordert, sich für den letzten Weg bereit zu machen. Da wird Jedermann sein schlechter Charakter bewußt, und er fleht den Tod an, ihm noch eine kurze Frist zu gewähren, damit er sich einen Begleiter suchen kann, der mit ihm vor das Gericht Gottes tritt. Nach langem Bitten gewährt der Tod ihm eine Frist von einer Stunde.
Zuerst fragt Jedermann seinen guten Freund, den Gesellen, ob er ihm nicht einen Gefallen tun will, denn er muß eine weite Reise antreten. Der ist dazu bereit, doch als er hört, daß er ihn vor das göttliche Gericht begleiten soll, weigert er sich. Kaum anders handeln die beiden Vettern Jedermanns und seine Buhlschaft. Da er sich nun von allen verlassen fühlt, will er wenigstens sein Geld in die Ewigkeit mitnehmen. Doch der der Geldtruhe entspringende goldene Mammon verspottet ihn und verschwindet wie verpraßter Reichtum im Nichts.
Nun ist Jedermann völlig einsam und der Verzweiflung nahe. Da hört er aus dem Hintergrund eine leise Stimme, die seinen Namen ruft. Er sieht eine gebrechliche Frau, die ihm sagt, daß sie seine "Guten Werke" sei und ihn gern ins Jenseits begleiten will. Sie ist aber zu schwach, da er sie immer so vernachlässigt hat. Sie ist aber bereit, ihre Schwester, den Glauben, darum zu bitten. Der Glaube weist Jedermann nun auf die unendliche Liebe Gottes hin und rät ihm, den Herrn um Gnade zu bitten. Jedermann ergreift die letzte Hoffnung auf Rettung und versucht nach Jahren der Ungläubigkeit, wieder zu Gott zu finden, und schließlich erhält er durch einen Mönch die Sterbesakramente.
Nun kommt der Teufel, um die schuldbeladene Seele Jedermanns, deren er sich ganz sicher ist, zu holen und mit ihr zur Hölle zu fahren. Doch er muß zu seinem Verdruß sehen, daß sie ihm durch die Gnade Gottes entrissen wurde. Jedermann kann mit gereinigter Seele in Begleitung des Glaubens und der Guten Werke vor Gottes Richterstuhl treten.



Mammon (Maximilian Brückner)
und Jedermann (Peter Simonischek)

Photos © AP

Premiere 2004: Samstag, 24. Juli 2004, 17:30 Uhr - Spielstätte: Großes Festspielhaus

Besetzung 2004:
Rudolf Wessely - Gott der Herr
Jens Harzer - Tod
Peter Simonischek - Jedermann
Jennifer Minetti - Jedermanns Mutter
Tobias Moretti - Jedermanns guter Gesell
Rudolf Wessely - Ein armer Nachbar
Anton Burkhart - Ein Schuldknecht
Susanne Schäfer - Des Schuldknechts Weib
Veronica Ferres - Buhlschaft
Johann Christof Wehrs - Der Hausvogt
Maximilian Simonischek - Der Koch
Oswald Fuchs - Dicker Vetter
Achim Buch - Dünner Vetter
Maximilian Brückner - Mammon
Elisabeth Rath - Gute Werke
Elisabeth Schwarz - Glaube
Tobias Moretti - Teufel
Gerald Koblinger - Knecht
Riederinger Kinder - Die Spielansager
Ars Antiqua Austria
Stab:
Inszenierung: Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Marlene Poley
Musik: Markus Zwink
Musikalische Leitung: Gunar Letzbor
Lichtdesign: Tobias Löffler


Mammon (Maximilian Brückner)
Weitere Aufführungen (Spielstätte Domplatz, bei schlechtem Wetter Großes Festspielhaus):
25. Juli 2004, 17.30 Uhr ; 26. Juli 2004, 20.30 Uhr ; 5. August 2004, 17.30 Uhr ; 8. August 2004, 17.30 Uhr ; 12. August 2004, 20.30 Uhr ; 15. August 2004, 20.30 Uhr ; 18. August 2004, 17.00 Uhr ; 21. August 2004, 17.00 Uhr ; 24. August 2004, 17.30 Uhr ; 27. August 2004, 20.30 Uhr

Spiel mit dem Tod
Auch in diesem Jahr wieder das absolute Highlight, das Salzburger Erfolgsstück: "Jedermann". Die elf Vorstellungen auf dem Domplatz sind längst ausverkauft und sogar hoffnungslos überbucht. Peter Simonischek spielt wieder den "Jedermann", seine Buhlschaft ist zum letzten Mal Veronika Ferres - lebenslustig, erotisch. Hugo von Hofmannsthals Stück vom Leben und Sterben des reichen Mannes ist eine nicht enden wollende Erfolgsgeschichte.
"Hofmannsthal hat sich manchmal gewünscht, dass er so gespielt wird wie in Oberammergau", sagt Christian Stückl, "aber das war ein Traum von ihm, der nie erfüllt werden wird, denn sonst müsste man den 'Jedermann' ja mit Laien machen. Die Leute mögen so etwas wie eine Tradition. Wenn man merkt, es ist eine Tradition, liebt man es auf irgendeine Weise, auch wenn man es oft von sich wegschiebt", glaubt der Regisseur.
Dieses Stück läßt keinen kalt
"Peter Simonischek, der jetzt den Jedermann spielt und irgendwann den Tod gespielt hat, sagt, er hat es noch bei keinem Theaterstück erlebt, dass die Leute in dem Moment, in dem der Tod auftritt, so still und so ruhig werden", erzählt Stückl. "Es ist ganz komisch, dass die Leute es doch so an sich herankommen lassen." Jedermann - diese sonderbare Mischung aus Kitsch und Konvention lässt keinen kalt, heißt es bei Kritikern.
Maximilian Brückner spielt den Mammon: Geld regiert die Welt - das passt doch gut zu Salzburg. "Eine Allegorie ist einfach keine Person, sondern irgendwas, das es gar nicht gibt. Geld ist einfach phantastisch zu spielen, weil man einfach jede Möglichkeit hat, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt", beschreibt der Schauspieler diese Herausforderung.
Nie war Mammon, der personifizierte Reichtum, so sexy wie heute: als Rokoko-Strichjunge mit Tanga und goldbepudertem Po, gespielt von Maximilian Brückner. Publikum und Kritik finden den Dämon aus München einfach "hinreißend".
Jedermann für Jedermann: Was das archaische Volksstück gerade in Salzburg so populär macht, könnte der Gegensatz sein: Je reicher und schöner das Publikum, desto lieber besinnt es sich vielleicht auf das eigene Ende: ganz prominent - auf dem Domplatz in Salzburg.
Quelle: Kulturzeit extra


Isabella Brückner - Rudolf Wessely(?)

Jennifer Minetti - Peter Simonischek

Veronica Ferres - Achim Buch - Peter Simonischek

Veronica Ferres - Peter Simonischek

Elisabeth Schwarz - Tobias Moretti

Peter Simonischek - Jens Harzer
Photos: © Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus, Salzburger Festspiele 2004

Sterben im Trockenen
Wegen eines Tiefs aus Bayern musste die Premiere von "Jedermann" ins Große Festspielhaus: Ohne Domfassade, doch in selten zu erlebender Intensität.
Der Mann, der das Große Festspielhaus betrat, auf die schwarz ausgeschlagene Bühne blickte, wo eine einsame Heiligenstatue stand, kopfschüttelnd etwas von einem "Gesamtkunstwerk" murmelte und wieder ging, dieser Mann war die Ausnahme. Tausende andere nahmen es hin, dass Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" bei der Premiere am Samstag nicht im Freien gespielt werden konnte. Der Mann wollte eben nicht auf die Dom-Fassade verzichten, nicht auf die flatternden Tauben und auf die in großer Höhe den Domplatz querenden Flugzeuge.
Ein über Bayern hereinziehendes Tief, so erklärte es Regisseur Christian Stückl vor Beginn der Aufführung, ließe es ratsam erscheinen, nicht draußen zu spielen. Er bedauerte es zutiefst und kündigte an, dass die Schauspieler ihr Doppeltes geben würden. Das war nicht bloß dahergesagt: Eine in diesem Ausmaß selten zu erlebende Intensität kennzeichnete die Premiere.
Christian Stückl hat offensichtlich an seiner Inszenierung weitergearbeitet, so dass sie noch stärker und überzeugender wirkt. Er versteht sein Handwerk. Allein der Einfall, eine Kindertruppe einzusetzen, die für einen parodierenden Einstieg sorgt, und im Lauf des Spiels entscheidende Übergänge mitgestaltet, zeugt von einer bemerkenswerten Theaterpranke.
Aber auch die Art, wie er einerseits turbulente Aktion entfaltet und andrerseits Gedankliches nicht zu kurz kommen lässt (und das alles auf der Basis eines doch sperrigen Textes), kann nicht genug gelobt werden.
Er kann von einem verlässlichen Kraftzentrum für seine Inszenierung ausgehen: Das ist die Souveränität und der Nachdruck, mit dem Peter Simonischek den Jedermann gestaltet. Er ist nicht nur der Hauptcharakter einer alten Moralität, er hat auch zeitgemäße Züge und kann damit das Publikum von heute beeindrucken.
Die sinnliche Komponente ist in Stückls Inszenierung wichtig. Daher darf Veronica Ferres, die Buhlschaft, auf dem Rücken liegend mit ihren schönen Beinen in der Luft strampeln.
Und der Regisseur zieht aus einzelnen Szenen die größtmögliche Wirkung. So etwa wird der Abschied des Guten Gesellen, den Tobias Moretti spielt, von Jedermann nach dem Auftritt des Todes zu einem Kabinettstück subtiler Komik. Moretti glänzt auch in seiner zweiten Rolle, in der des Teufels, der nur zu einem geringen Teil eine harmlos, volkstümlich-lustige Figur ist, denn vor allem erscheint er auf seinen Bocksfüßen als Dämon, als Verkörperung des Widerwärtigen.
Einiges kommt einem neu vor. Dauerte die Szene am Ende der Tischgesellschaft, das Feilschen mit dem Tod, immer schon so lang? Der Tisch ist zerbrochen, Jedermann und der Tod vertiefen sich in ein ernsthaftes Gespräch. Nach dem lärmenden Fest wirken diese Minuten besonders intensiv. Es sei nicht verschwiegen, dass Jedermanns Bekehrung und Errettung den Regisseur vor unlösbare Schwierigkeiten stellt. Immerhin widersteht Stückl der Verführung zum Kitsch.
Es gibt wieder einige Umbesetzungen:
Elisabeth Schwarz als Glaube zu engagieren, war ein guter Griff. Diese kleine Person steht nicht statuenhaft da, sondern huscht gelenkig über die Bühne und tut etwas gegen die Plagen dieser Welt. Die Stimme sagt, dass man ihr vertrauen kann.
Einen neuen Mammon gibt es auch: Maximilian Brückner ist eine obszöne, doppelgesichtige Glitzergestalt. Denn einerseits gibt er sich zugänglich und verspielt, andererseits zeigt er Jedermann seine Brutalität.
Rudolf Wessely tauchte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder im "Jedermann"-Ensemble auf. Diesmal ist er der Rabbi, als den Stückl "Gott den Herrn" im Spiel zeichnet. Die Figur ist strenger konturiert, als sie es noch vor zwei Jahren war. Dieser Gott geht unter die Menschen, er greift ein, wird verspottet, behält aber stets seine Würde. Er ist auch der Arme Nachbar, an dem sich Jedermann schuldig macht, indem er ihn mit einer kleinen Münze abfertigen möchte.
Von Bekannten und Freunden wird man nach der Aufführung fast wie nach einer überstandenen Krankheit bemitleidet. "Wie schade, dass nicht heraußen gespielt werden konnte." So groß aber ist der Schaden nicht. Das Glockenläuten erklingt auch im Festspielhaus, und die Jedermann-Rufe ertönen drinnen nahezu ebenso schauerlich wie draußen.
© Werner Thuswaldner, Salzburg (SN/APA)
Quelle: Salzburg.com, 26. Juli 2004

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Fernsehaufzeichnung: 21. Juli, 12., 15., 27. August 2004
Regie: Kurt Liwehr
Fernsehpremiere: ORF 4. September 2004 ; 3sat 25. März 2005

DVD 2004
VÖ: 19.11.2004
Jedermann kennt Jedermann - Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" ist Kult. Seit es 1920 das erste Mal auf dem Domplatz in Salzburg gegeben wurde, nimmt das Schauspiel einen zentralen Platz bei den Salzburger Festspielen ein. Stars reißen sich darum einmal den Jedermann, die Buhlschaft, den Teufel spielen zu dürfen. Von 2002 an waren es mit Peter Simonischek, Veronica Ferres und Tobias Moretti die populärsten Bühnen- und Filmschauspieler aus Österreich und Deutschland. Und der junge Schauspieler Jens Harzer konnte in der Rolle des Tod seinen Durchbruch erringen.Trotz des ungebrochenen Interesses - die Vortstellungen sind eigentlich immer ausverkauft - gab es bisher keine vollständige Aufzeichnung des Kultstückes. Mit der vorliegenden DVD kann nun jeder die Geschichte um das verlorengegangene und wiedergefundene Seelenheil des reichen Jedermann erleben - live von den Salzburger Festspielen, wo der Mythos des Kultstücks geboren wurde. "Komödiantisch, erotisch, volkstümlich...", beschrieb die Wiener Zeitung die hier aufgezeichnete Interpretation vom Sommer 2004, in der auch das "Dream-Team" Simonischek, Ferres und Moretti das letzte Mal zu sehen war.
DVD Extras: Die Produktion ; Der Regisseur im Gespräch ; Das Salzburger Land. Laufzeit: 2:17:00
DVD 2011
W-VÖ: 6.6.2011





Peter Simonischek - Maximilian Brückner (Photo © Andreas Schaad/AP)

Peter Simonischek - Maximilian Brückner (Photo © Andreas Schaad/AP)
"... Der Maximilian Brückner hat mit mir in Salzburg den 'Jedermann' gmacht, da war er der Mammon. Da habn am Anfang a alle gsagt, wia konn ma so an Junga, des war ja a oiwei so a großa, dicker Fester, der da in der Truhe drin gsteckt ist, und da Maxi war irgendwie a ganz Junger der aus der Truhe raus gsprunga is und so schnell wia's Geld is er davon glaffa ..." Christian Stückl, im Frühjahr 2005
"Geld, das ist doch nichts Schweres, hat der Christian Stückl zu mir gesagt. Das ist schnell, läuft dir durch die Finger. Es gehört dir nie und verarscht dich bloß". Aus dem altersschweren Dämon, wie ihn Brückner-Vorgänger verkörperten, ist deshalb bei Stückl ein "Rokoko-Strichjunge" geworden - sexy, mit Tanga und goldbepudertem Hintern. "Die Idee fand ich super, aber ich hab' schon auch geschluckt." Maximilian Brückner, im Sommer 2005

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Premiere der Wiederaufnahme 2005: Montag, 25. Juli 2005, 17:30 Uhr - Spielstätte: Domplatz

Besetzung 2005:
Karl Merkatz - Gott der Herr
Ulrike Folkerts - Tod
Peter Simonischek - Jedermann
Bibiana Zeller - Jedermanns Mutter
Tobias Moretti - Jedermanns guter Gesell
Karl Merkatz, Ein armer Nachbar
Arthur Klemt - Ein Schuldknecht
Susanne Schäfer - Des Schuldknechts Weib
Johann Christof Wehrs - Der Hausvogt
Olaf Weissenberg - Der Koch
Nina Hoss - Buhlschaft
Heinz Zuber - Dicker Vetter
Achim Buch - Dünner Vetter
Maximilian Brückner - Mammon
Elisabeth Rath - Gute Werke
Elisabeth Schwarz - Glaube
Tobias Moretti - Teufel
Gerald Koblinger - Knecht
Riederinger Kinder - Die Spielansager
Ars Antiqua Austria
Stab:
Inszenierung: Christian Stückl
Leitung: Martin Kušej
Regie der Wiederaufnahme: Henning Bock
Bühne: Marlene Poley
Kostüme: Marlene Poley, Dorothea Nicolai
Musik: Markus Zwink
Musikalische Leitung: Gunar Letzbor
Weitere Aufführungen:
27. Juli 2005, 20.30 Uhr ; 3. August 2005, 20.30 Uhr ; 4. August 2005, 20.30 Uhr ; 9. August 2005, 20.30 Uhr ; 15. August 2005, 17.30 Uhr ; 24. August 2005, 17.00 Uhr ; 29. August 2005, 16.30 Uhr ; 30. August 2005, 16.30 Uhr ; 31. August 2005, 16.30 Uhr

Der Sensenmann ist eine Frau
Wenn am 25. Juli die Salzburger Festspiele 2005 traditionell mit dem "Jedermann" eröffnet werden, darf das Publikum zwar keine radikal neue Inszenierung erwarten, aber zumindest viele neue Schauspieler in der drei Jahre alten Regiearbeit von Christian Stückl. In dem seit 85 Jahren in Salzburg bewährten Mysterienspiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes gibt es aus Sicht von Regisseur Henning Bock die "wohl entscheidendste Neubesetzung": Der Tod wird erstmals in der Salzburger Geschichte von einer Frau gespielt.
TV-Kommissarin Ulrike Folkerts verkörpert die Rolle in kaltem Silber und ohne Haar auf dem Schädel. Nina Hoss wird Veronica Ferres als Buhlschaft ersetzen - und versuchen, dem Vergleich mit ihrer Vorgängerin Stand zu halten. "Wir haben versucht, mit Nina Hoss gegenüber Ferres eine mädchenhaftere, naivere und reinere Buhlschaft zu erarbeiten. Nina Hoss wird aber auch eine Frau verkörpern, die genau weiß, was sie will, und sich dafür nicht schämt", sagt der Regisseur, der von Schauspielchef Martin Kušej mit der Überarbeitung der Stückl-Inszenierung beauftragt wurde. "Ich würde wohl auch Nein sagen, wenn mich meine Partnerin aufordern würde, sie in den Tod zu begleiten", so Bock. "Es ist ein Glücksfall, dass uns diese schöne, prominente und begabte Frau ins Netz gegangen ist."
Leichter, humorvoller, weniger melodramatisch
Neu besetzt ist zudem die Rolle von Jedermanns Mutter: Anstelle von Jennifer Minetti wird sich Bibiana Zeller um das Seelenheil des leichtfertigen Lebemanns sorgen, nur, so Bock, "leichter, humorvoller und weniger melodramatisch". Auch dem neuen Gott und armen Nachbarn Karl Merkatz haben Kušej und Bock versucht, Leichtigkeit und Kindlichkeit mitzugeben, "schließlich ist der liebe Gott bei Hofmannsthal auch für die Kinder und das schöne Wetter zuständig", meint Henning Bock.
"Ich wollte die neuen Schauspieler so in die Regie einzubauen, dass das Wesen der Stückl-Arbeit erhalten bleibt, und doch die Neuen ihren besonderen Fähigkeiten und Eigenheiten entsprechend individuell zur Geltung kommen können", erklärt der Regisseur. "Die Personenregie würde ich also unter dem Strich als halb-neu bezeichnen. Dumm wäre es gewesen, die neuen Schauspieler zu zwingen, genau wie die alten zu agieren."
Quelle: Kulturzeit, 22.7.2005


Die Riederinger Kinder (u.a. Franz-Xaver, Susanne und Isabella Brückner)






Tobias Moretti - Karl Merkatz - Peter Simonischek

Peter Simonischek - Nina Hoss - Ars Antiqua Austria

Nina Hoss - Peter Simonischek - Ulrike Folkerts

Maximilian Brückner - Peter Simonischek

Maximilian Brückner - Peter Simonischek
Photos: © Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus, Salzburger Festspiele 2005

"Jedermann": Blitzende Zähne statt wogender Busen
Mysterienspiele sind wie Gulasch: Aufgewärmt schmecken sie meist besser. Das gilt auch und gerade für den Salzburger "Jedermann", selbst wenn das letzte Gericht aus Wettergründen statt auf dem Domplatz im Großen Festspielhaus serviert wird. Schauspieldirektor Martin Kusej leitet die Wiederaufnahme von Christian Stückls Inszenierung aus dem Jahre 2002, Regie führt allerdings laut Programmheft Henning Bock. Etwas kompliziert, gewiß. Das Luxusfestival kann sich bei der Hofmannsthalschen Moralität vom Sterben des reichen Mannes eben mehrere Köche leisten. Doch Publikum und Medien zeigen hier seit eh und je weniger Interesse für die ästhetische Qualität der Aufführung als für die paradierenden Stars. Wer verendete virtuoser? Curd Jürgens oder Klaus Maria Brandauer, Gert Voss oder Helmut Lohner? Noch stärker erregt die jeweilige Inhaberin einer tragenden Nebenrolle die Gemüter. Sie hat keinen Namen, nur eine Funktion und heißt in Hofmannsthals altertümelndem Deutsch schlicht und einfach "Buhlschaft". Für sie ist die Bühne vor allem Laufsteg, um ewig junge Männerfantasien vorzustellen und zu bedienen. Die Ansprüche sind die höchsten nicht. Pralle Brüste und ebensolches Gesäß reichen in der Regel. Damit ist das Klischee vom barocken Prachtweib - schön wie die Sünde - erfüllt. Nina Hoss hat es diesbezüglich, zumindest verglichen mit ihrer Vorgängerin im lasziven Amt, Veronica Ferres, schwerer. Wogenden Busen muß sie durch strahlende Zähne ersetzen. Aber die kühle Blonde mit dem frisch erworbenen Spitznamen "Coolschaft" macht ihre Sache sehr ordentlich, darstellerische Gipfelstürmerei erwartet niemand von ihr.
Die zweite spektakuläre Neubesetzung erweist sich als unergiebiger. "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts mimt den Tod, was als Pointe ganz hübsch klingt: Der Sünder wird verhaftet und ins Jenseits abgeführt. In der Praxis freilich zeitigt die Geschlechtsumwandlung keine besondere Wirkung. Madame la Mort ist um nichts unheimlicher als ihr männlicher Kollege, im Gegenteil.
Positiv überrascht Peter Simonischek in der Titelpartie. Er verzichtet nun auf kraftmeierndes Röhren und überdimensionale Gesten, aus dem Popanz Jedermann wird ein Mensch.
Ein Fortschritt ist zudem Maximilian Brückner als glitzernd schwuler Mammon: Wenn schon Tunte, dann richtig.
Mittlerweile glänzend, auch ohne Flitter: Tobias Moretti in Personalunion von "gutem Gesellen" und Teufel. Das Fiese nimmt man ihm ebenso ab wie das Ordinäre. Dieser Höllenkauz von echtem Schrot und Korn hat, was den anderen Figuren fehlt: Geist und Witz. Rechtens empört er sich über den göttlichen Raub seiner legitimen Beute: Nie war eine Bekehrung verlogener als diejenige des plötzlichen Büßers. Unverändert blieb leider Christian Stückls finaler Friedhofskitsch mit schwarz geflügeltem Totenengel. Kein Wunder, daß dem Teufel dabei schlecht wird. Er reagiert artgemäß: Er kotzt nicht, er scheißt.
Quelle: U.We, Die Welt, 27.7.2005
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Premiere der Wiederaufnahme 2006: Sonntag, 23 Juli 2006, 17:30 Uhr - Spielstätte: Domplatz

Besetzung 2006:
Karl Merkatz - Gott der Herr
Ulrike Folkerts - Tod
Peter Simonischek - Jedermann
Bibiana Zeller - Jedermanns Mutter
Norman Hacker - Jedermanns guter Gesell
Karl Merkatz - Ein armer Nachbar
Arthur Klemt - Ein Schuldknecht
Susanne Schäfer - Des Schuldknechts Weib
Johann Christof Wehrs - Der Hausvogt
Olaf Weissenberg - Der Koch
Nina Hoss - Buhlschaft
Heinz Zuber - Dicker Vetter
Achim Buch - Dünner Vetter
Maximilian Brückner - Mammon
Elisabeth Rath - Gute Werke
Elisabeth Schwarz - Glaube
Norman Hacker - Teufel
Florian Denk - Knecht
Riederinger Kinder - Die Spielansager
Ars Antiqua Austria
Stab:
Inszenierung: Christian Stückl
Leitung: Martin Kušej
Regie der Wiederaufnahme: Henning Bock
Bühne: Marlene Poley
Kostüme: Marlene Poley, Dorothea Nicolai
Musik: Markus Zwink
Musikalische Leitung: Gunar Letzbor


Peter Simonischek - Maximilian Brückner
Weitere Aufführungen:
24. Juli 2006, 17.30 Uhr ; 25. Juli 2006, 20.30 Uhr ; 31. Juli 2006, 20.30 Uhr ; 5. August 2006, 17.30 Uhr ; 6. August 2006, 17.30 Uhr ; 14. August 2006, 17.30 Uhr ; 17. August 2006, 17.30 Uhr ; 22. August 2006, 17.00 Uhr ; 25. August 2006, 20.30 Uhr ; 28. August 2006, 16.30 Uhr ; 29. August 2006, 16.30 Uhr

Viel Applaus für Peter Simonischek und Nina Hoss beim "Jedermann"
Mit Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel "Jedermann" hat im Jahr 1920 die Geschichte der Salzburger Festspiele begonnen. So eröffnete das Stück auch das künstlerische Programm der 87. Salzburger Festspiele am Abend des 23. Juli 2006. Bei strahlendem Wetter drängte sich viel Prominenz am Domplatz. Peter Simonischek spielte zum fünften Mal den reichen Prasser Jedermann, die "Buhlschaft" an seiner Seite gab wie im Vorjahr die deutsche Schauspielerin Nina Hoss.
Vor der malerischen Kulisse des Salzburger Doms beeindruckte Simonischek in der Hauptrolle, der jedes Mal mit dieser Rolle wächst. Nina Hoss, die zuletzt mit dem Film "Die weiße Massai" von sich reden machte, verkörperte die Buhlschaft mit eher zurückhaltender Erotik. Ulrike Folkerts als weiblicher Tod gab dem Jedermann-Spiel um Geld oder Glauben einen zusätzlich weiblichen Akzent. Den komödiantischen Teil dieser starken Frauenfiguren ergänzte Bibiana Zellner als "Jedermanns Mutter" überzeugend. Neu dabei war in diesem Jahr Norman Hacker in der Rolle des guten Gesellen und des Teufels. Er löste Tobias Moretti ab.
Die diesjährige Inszenierung war eine Wiederaufnahme des Vorjahres unter Christian Stückl unter der Leitung von Henning Bock. Das Premierenpublikum applaudierte lange und anhaltend. Bravo-Rufe gab es für Simonischek und Nina Hoss.
Quelle: Kulturzeit, 24.7.2006






Karl Merkatz - Ulrike Folkerts - Riederinger Kinder

Norman Hacker - Peter Simonischek

Nina Hoss






Nina Hoss (Photo © AP)

Norman Hacker

Ulrike Folkerts (Photo © AP)
Photos: © Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus, Salzburger Festspiele 2006

Muskeln für Mammon
"Jedermann" ist eine eigene Welt. Ob im Haus oder auf dem Domplatz gespielt wird, ist nur eine Frage. Hinter den Kulissen im Freien ist vieles anders.
Gestern, Dienstag, 29. August, hieß es zum letzten Mal in diesem Jahr für Produktionsleiterin Irene Girkinger und das Team des "Jedermann": "Drinnen oder draußen?" Diese Frage wird immer erst zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn entschieden. Da haben - bei schönem Wetter oder schon in Zweifelsfällen - die Vorbereitungen von Technik und Bühnenarbeitern auf dem Domplatz längst begonnen.
Regnet es nicht, so haben dort auch Irene Girkinger und ihre Kollegen von der Inspizienz noch einige Wege vor sich: Sind alle Türen zwischen der Residenz und dem Dom als "Hinterbühne" offen, die Wellblechtore zum Kapitelplatz hin ordentlich fixiert? Kulisse und Zuschauerränge müssen behördlich abgenommen werden - wie vor jeder Vorstellung üblich.
Noch ganz wichtig: Steht auf dem Residenzplatz (und allen anderen relevanten Orten) Mineralwasser für Mannschaft und Schauspieler parat? Bis zu zwölf Paletten à 24 Halbliterflaschen werden pro Vorstellung von den insgesamt rund 150 Beteiligten konsumiert.
Vier Männer heben Mammon aus der Kiste. Besonders geschwitzt wird aber nicht nur auf, sondern ebenso unter der Bühne. Hier, im niedrigen Kreuz-und-Quer aus Metallgestängen, wartet eine Hand voll Bühnentechniker auf ihren Einsatz während der Vorstellung.
Da ist - mehr noch als im Großen Festspielhaus - Muskelarbeit gefordert. Die Bühnenteile werden manuell auseinander geschoben und auch "Mammon" Maximilian Brückner hilft keine Hydraulik aus Jedermanns Geldkiste.
Eng geduckt wartet er mit seinen Helfern auf den Auftritt. Vier junge Männer katapultieren ihn dann mittels einer Holzplatte in die Höhe. Zurück geht es den umgekehrten Weg, Brückner sinkt auf ein bereitgehaltenes Polster. Vor einigen Vorstellungen haben ihm die Techniker hier unten zur Belohnung gleich ein Flascherl Bier gereicht.
Wenn das Publikum am Ende applaudiert, beginnt der eineinhalbstündige Rückbau. Irene Girkingers Arbeitstag ist da fast um: Die Schauspieler in die passenden Busse zum Rücktransfer ins Festspielhaus lotsen ("Tod" und "Teufel" müssen wegen ihrer Kostüme aufrecht stehen), das Publikum vom Stürmen der Treppe abhalten, dann ist es geschafft.
Für heute und diese Saison. Übrigens: Beim Abschied gab es schönes Wetter.
© Michael Brommer, Salzburg (SN).
Quelle: Salzburg.com, 30. August 2006


Photo: © Bernhard Hartl





















Peter Simonischek (Jedermann 2002 - 2009)
Abschiedsrede an das Ensemble: Das 'Jedermann' Orakel

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Seite erstellt am 14. Juni 2009 von EFi
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