Münchner Volkstheater seit 2005 |
Premiere am 7. April 2005
![]() ![]() Brandner Kaspar: Der Himmel
voller Männer
Der Volkstheater-Intendant Christian Stückl spricht im Interview über seinen "Brandner Kaspar" und Kerschgeist zur 250. Vorstellung am Sonntag. "Der
Brandner
Kaspar und das ewig' Leben" - der zweite Titelteil von Franz
von Kobells und Kurt Wilhelms Stück trifft auch auf die
jeweiligen Inszenierungen zu. Das Bayerische Staatsschauspiel
zeigte seine Produktion gefühlt endlos, und Christian Stückl
setzt diese Tradition mit seiner schwungvollen Version am
Münchner Volkstheater fort. Premiere war am 7. April 2005. An
diesem Sonntag wird der "Brandner" zum 250. Mal den
Boandlkramer beim Kartln mit Hilfe des Kerschgeists
austricksen. Danach lädt Intendant Stückl zum großen
Sommerfest am Spielzeitende ein.- Wird's bei der Fete an Kerschgeist gebn? Bei den Oberammergauer Vorstellungen neulich haben wir ihn vergessen. An der Bar hätten wir Kerschgeist ausschenken müssen. (Lacht.) Da gibt's a schöne Gschicht: Wir machen doch in der Wiesnzeit immer eine "Brandner"-Vorstellung, nach der wir dann mitm Publikum aufs Oktoberfest gehen. Da kam eine ältere Frau daher, die hat an Kerschgeist dabeigehabt und wollte unbedingt mitm Maxi (Maximilian Brückner spielt den Boandl, Anm. d. Red.) trinken. Er hat richtig geblödelt, und sie hat gsagt: "Wissen’S, Herr Brückner, mit Eana trink I gern an Kerschgeist. I bin so krank, i sterb bald, aber wenn i im ,Brandner’ bin, geht's mir besser." Das war schon rührend. - Zweimal ist der "Brandner Kaspar" zur Kult-Inszenierung geworden. Worin liegt das Geheimnis? Er ist ja so ein bissl ein Münchner "Jedermann". Was ich an unserem mag, ist, dass er viel komödiantischer ist. In Salzburg sagt man, "wenn der Tod auf die Bühne kommt, werden die Zuschauer still". Bei uns ist es so: Wenn der Tod auf die Bühne kommt, fangen alle an zu lachen. Die Grundhaltung von dem Stück ist die Sehnsucht danach, den Tod bescheißen zu können - das ist doch die Grundhaltung von uns allen. Wenn die Leut' ihre Kinder ausm Haus haben, fangen's an gegen den Tod zu kämpfen. Beim "Brandner" kommt dazu, dass er mit viel Witz geschrieben ist, ja, auch manche Klischees bedient werden... und die heile Welt im Himmel... - Wie der "Jedermann" basiert der "Brandner" auf einer fröhlichen, bildmächtigen Volksfrömmigkeit. Na ja... Bei beiden Stücken ist es schon unterschiedlich. Viele mögen den "Jedermann" nicht, obwohl er genauso begehrt ist. Sie lehnen das Ende ab; das ist ihnen zu einfach: Einer braucht bloß bereuen, dann ist er von seinen ganzen Sünden befreit. Der Brandner will auch ums Fegefeuer herumkommen. Ich weiß nicht - mit der Frömmigkeit? Wichtig ist einfach die Szene mit dem Kerschgeist, weil alle lachen können. Die Leut' lachen wahnsinnig gern im Theater. Das ist, was du immer wieder hörst: Die Menschen wollen am Abend ins Theater gehen und lachen. Bei uns hängt das ganz stark damit zusammen, wie's der Maxi macht, zusammen mit dem Alexander Duda (spielt den Brandner Kaspar, Anm. d. Red.). In der alten Inszenierung war Toni Berger der Boandlkramer. Für uns war 2005 die Frage: "Wer toppt den Berger?" Das haben wir nur mit einem geschafft, der etwas ganz Eigenes aus der Rolle entwickelt hat. - In beiden Stücken spielt der Tod eine bedeutende Rolle - wir Bayern haben allerdings mehr Glück mit ihm. Ich habe damals den Glücksgriff getan mit den Riederingern (Musikgruppe, Anm. d. Red.). Wegen ihnen haben wir den Himmel ausgebaut - für viel mehr Engel. Und wir haben andere Geschichten eingebaut, etwa, dass sich die Engel gegen das Hosianna-Singen wehren (Zitat aus Ludwig Thomas "Ein Münchner im Himmel"):"Schee fad!". - Was fällt bei den Gastspielen auf? In Rio oder Bozen? Das ist lustig. In Rio haben wir gedacht, dass die Zuschauer uns trotz Übersetzung - "Boandlkramer" wurde "Knochenhändler" - nicht verstehen. Aber der Katholizismus ist dort noch mehr verfestigt als bei uns: Wenn Petrus ausm Himmel zurückkommt und sagt, "alle drei warn's da und d'Maria", dann dauert's bei unserem Publikum: "Wer jetzt, alle drei? Ah, die Heilige Dreifaltigkeit!" In Rio ham's sofort losglacht. In Südtirol war die Überraschung, dass man unser Boarisch nicht verstanden hat. In Rio haben die Leut' allerdings erklärt: "Eines ist bei uns völlig anders - bei uns gibt's keine männlichen Engel, bei uns schwirrt der Himmel vor lauter Frauen." - Wie schwierig ist es, immer wieder die "Brandner"-Schar zusammenzubringen? Obwohl die 250. Vorstellung naht, spielen alle den "Brandner" wahnsinnig gern. Wir bringen ihn durchschnittlich zweimal im Monat. Das sind circa 20 Vorstellungen im Jahr. Es ist übrigens fast komplett die Erstbesetzung, und es funktioniert gut. - Worauf muss man als Regisseur dringen, damit eine so lang laufende Inszenierung nicht verschlampt? Ja, zwischendurch sag' ich schon manchmal was. Aber eigentlich lass' ich den "Brandner" ziemlich laufen, denn er verändert sich schon auch - und das soll er. Bestimmte Witze funktionieren nicht mehr so: Wenn der Nantwein nach Wolfratshausen nunterschaut und Erzengel Michael sagt, "von Wolfratshausen ist noch nie was Gscheits gekommen", dann haben die Zuschauer vor sechs Jahren gegrölt. Heute ist der Stoiber schon zu weit weg. Dafür entstehen andere Dinge. In Oberammergau war die Vorstellung eine halbe Stunde länger - so viel haben die Leut' glacht. - Wie lange wollen Sie das Stück im Programm halten? Im Augenblick denken wir nicht ans Aufhören. Das Gespräch führte Simone Dattenberger. Münchner Merkur, 19. Juli 2013 Die Vorstellung am Sonntag beginnt wegen des Theaterfests schon um 17 Uhr (ausverkauft, eventuell Restkarten). Die 251. Vorstellung ist am 5. Oktober. ![]() 250.
Vorstellung des "Brandner Kaspar" am
Volkstheater. Drei Fragen an Regisseur Christian Stückl
Geht das, kann man dem Tod tatsächlich ein Schnippchen schlagen? Einen Versuch zumindest ist es wert. Ob es aber gelingt, ist anzuschauen im inzwischen legendären Bühnenstück "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" am Münchner Volkstheater. Erzählt wird die Geschichte eines bayerischen Grantlers, gespielt von Alexander Duda, der keine Lust hat, mit 74 Jahren den Löffel abzugeben. Also feilscht er mit dem so genannten Boandlkramer, verkörpert von Maximilian Brückner, um weitere Lebensjahre. Am Sonntag, 21. Juli öffnet sich der Vorhang des umjubelten Dauerbrenners zum 250. Mal. Anlass genug, um den Regisseur und Intendanten des Volkstheaters, Christian Stückl, ein paar Fragen zu stellen. - Sakradi, Herr Stückl, jetzt läuft der Brandner Kaspar schon zum 250. Mal und die Leute kommen immer noch. Fast jedes Mal wird vor vollem Haus gespielt. Wie erklären Sie sich das? Christian Stückl: Kann man das überhaupt erklären? Es hat sicher damit zu tun, dass die Leute auch diese Sehnsucht haben, wie sie der Brandner hat. Man will dem Tod entkommen. Das ist nur menschlich. Die Leute tun ja mehr denn je dafür, um den Tod a bissl zu bescheißen. Botox und Schönheits-OPs, das sind solche Versuche. - Und wie sieht es bei Ihnen aus, sind Sie auch auf der Flucht vor dem Tod? Christian Stückl: Ich hab nur wenig Zeit drüber nachzudenken. Zum Glück. Aber im Grunde müsste ich schon auch was dafür tun, wenn ich irgendwie aus der Nummer rauswollte. Vielleicht könnte ich mit dem Tod verhandeln, wenn ich sage, ab heute rauche ich nicht mehr. Doch soweit bin ich nicht. (lacht) - Es gibt sicher viele eingefleischte Brandner-Fans?! Christian Stückl: Und ob. Wir haben sogar einen Brandner-Stalker, so will ich ihn mal nennen. Der Mann hat sich sogar selbst den Namen "Brandner" gegeben. Er war bereits in 80 Vorstellungen. Und kann den ganzen Text mitsprechen. Das macht er dann auch. Kein Vergnügen für die, die neben ihm sitzen. Das Interview führte Sylvie-Sophie Schindler. Münchner Wochenblatt, 20. Juli 2013 ![]() ...
komme gerade aus München zurück. Der 250. Brandner -
GRATULATION! Das Haus war ausverkauft wie immer und
die Zuschauer und Schauspieler bestens aufgelegt. Es
ist was anders das Stück in München zu sehen,
jedenfalls war es wieder zum hervorragend, das
Publikum hat gejubelt und es gab jede Menge
Zwischenapplaus. Leider keine stehenden Ovationen
wie in O'gau am Schluss, aber gefeiert wurde sehr -
vor allem natürlich Maxi.
Da Maxi extra hoch zu den Technikern/Beleuchtern gerannt ist, nehme ich an dass Typ in Pulli und Straßenhose neben Meister Stückl der Bühnenbildner oder einer der Techniker ist. Das Sommerfest war auch sehr gut besucht und die Riedinger haben aufgespielt. Auch habe ich kurz die Gelegenheit gehabt Maxi zum 250. zu gratulieren - er ist echt ein sehr netter und höflicher junger Mann mit einen sehr spitzbübischen Lächeln. Ich hab auch einen Gruß von dir bestellt und er meinte, schade das du es nicht geschafft hast - aber zum 500. wird es wohl dann klappen. Nach meinen "WOW" sagte er nur lachend - "na hoffentlich hab ich nicht zu viel versprochen - schaun mer mal... ". Also der Abend war sehr schön, auch Dank des tollen Wetters. Anbei noch ein paar Bilder - nicht so toll, aber Maxi mit Sonnenblumen ist schon niedlich.
Text
und Photos © Ines Becker, 21. Juli 2013.
Verwendung mit freundlicher Genehmigung. Danke!
![]() Fetziger Totentanz - Die 250. "Brandner Kaspar"-Vorstellung überzeugt wie bei der Premiere Das war ein Klatschen und Trampeln und Jubeln: Trotz der dreieinhalb Stunden riss die 250. Vorstellung von Christian Stückls Inszenierung von Kurt Wilhelms Stück "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" die Zuschauer hin. Sonst fahren die Stadterer am Sonntag aufs Land - jetzt war's umgekehrt. Im Münchner Volkstheater gab es eine starke Oberland-Fraktion. Und es herrschte, wie es sich gehört angesichts der Himmlischen, nicht nur Harmonie in urban-bukolischer Hinsicht, sondern auch in familiärer. Vom Bobberl bis zum Weißschopf waren alle griawig beinand. Das ist logisch, denn Intendant Stückl hat ja sogar an Deiferl (mit Gamskrickl als Hörner) in Petrus' Amtsstube integriert. Solch
Augenzwinker-Strategien
ziehen sich durch die gesamte Aufführung, die mit
einem schrägen Jäger-Ballett zum passenden
"Freischütz"-Ohrwurm fetzig durchstartet. Es wird
dann auch gleich der Preiß (als herzige Rampensau
Tobias van Dieken) integriert. Übrigens inklusive
ein paar "Weiße Rössl"-Songs... Da fragt man sich
doch, wann Stückl eine Operette macht? Dass es in
diesem "Brandner" viel Musik geben muss, ist klar:
Die Blosn der Jungen Riederinger Musikanten ist
schließlich ein fetter Pluspunkt der Inszenierung.
Ob Oper oder Viergesang, ob Wirtshaus- oder
Militärmarsch, ob Gstanzl oder sanfte
Seligenklänge - immer is des a zeame Musi. Die
Burschen, die jetzt eher gstandne Männer sind -die
Premiere war 2005 - und ein Madl integriert haben,
spielen ihre Instrumente genauso lustvoll wie ihre
Bühnenpartien.Den gleichen Spielspaß versprühen die Darsteller auf Alu Walters gar nicht danschig-harmloser Bühne: Susi Brückner als frisches Marei, Ursula Burkhart mit einer oidn Ratschen, Stefan Murr als rescher Wuiderer, fein differenzierend Markus Brandl als Jager, Hans Schuler als Komödianten-Viech (Bürgermeister, Nantwein), Hubert Schmid als Grantl-Erzengel Michael und Peter Mitterrutzner als milder Portner. Sie alle kreisen fröhlich um das Doppelgestirn Alexander Duda als Brandner Kaspar und Maximilian Brückner als Boandlkramer. Duda ist mit ganz viel Schmunzel-Humor in die Rolle des oidn Baazi und Lebenskünstlers quasi hineingeschmolzen. Zeigt aber genauso den Widerständigen gegen Obrigkeit und Tod sowie den armen Hund, dem das Schicksal die Lieben nimmt. Nach wie vor ein Spezial-Ereignis ist Brückner als Boandl. Sein gesamter Auftritt ist eine einzige Choreographie: der Ein-Mann-Tanz eines Zwangs-Einzelgängers. Von der weiten Pathosgeste - man ist ja schließlich der Tod - über das Kindskopf-Gliederspiel bis zum Zehengekräusel des Verlegenen. Dieser hier integrierte Unintegrierte gibt Brückner die Möglichkeit zu einem flirrenden Spiel-Kaleidoskop der hinreißenden Art. Auf zur 500. Vorstellung! Die nächste Vorstellung ist am 5. Oktober. Von Simone Dattenberger, Oberbayerisches Volksblatt, 23. Juli 2013
Welch Wagnis
also für Christian Stückl, der sich nach
anfänglichem Zögern 2005 zu einer
Neuinszenierung am Münchner Volkstheater
entschloss. Und siehe da, auch er bewies, dass
das Lustspiel über Leben und Tod, wuchtig barock
und mit viel Musik auf die Bühne gebracht, die
Zuschauer in Scharen ins Theater treiben kann
und ganz nebenbei zum Karrieresprungbrett taugt.
Maximilian Brückner brillierte von der Premiere
weg als herzerweichend einsamer Boandlkramer.
Bis heute läuft der Brandner Kaspar mit Brückner
und Alexander Duda als Kaspar.
Fast 30 Jahre lang tupfte der Brandner Kaspar im Kartenspiel den Kerschgeist umsäuselten Boandlkramer am Bayerischen Staatsschauspiel und brachte auf diese hinterkünftige Weise die gesamte himmlische Ordnung durcheinander. Vom Publikum frenetisch gefeiert, von der Kritik als 'hirschlederne Operette' zerfetzt, lief das Stück von Kurt Wilhelm nach einer Erzählung von Franz von Kobell so lange, bis fast alle großen Volksschauspieler gestorben waren: Gustl Bayrhammer, Fritz Straßner, Toni Berger. Aus: Süddeutsche Zeitung, 15.
Oktober 2013
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![]() 275. Vorstellung zum 10-jährigen Jubiläum der Premiere am 7. April 2015 ![]()
Zehn Jahre Brandner
Kaspar
Ach wäre uns doch nur
ewiges Leben vergönnt. Oder doch nicht? Kein Stück
hält unserer Angst vor dem Ende den Spiegel so schön
vor wie der „Brandner Kaspar“. Am Volkstheater feiert
er jetzt Jubiläum.
München – Über manche Fragen, so glaubt man, muss man sein ganzes Leben nicht nachdenken. Die zum Beispiel: Was heißt „Boandlkramer“ auf portugiesisch? Nun, es ist etwa neun Jahre her, da zerbrach sich Regisseur Christian Stückl genau darüber den Kopf. Den „Brandner Kaspar“ sollten seine Schauspieler aufführen, aber nicht wie sonst am Volkstheater an der Brienner Straße, München, sondern 9500 Kilometer weiter süd-westlich - in Rio de Janeiro. Ein Gastspiel an der Copacabana, damals dachten sie vielleicht, besser geht’s nicht. Die Riederinger Musikanten, die beim „Brandner Kaspar“ als halbnackerte Engerl aufspielen, posierten fürs mitgereiste Fernsehen in Lederhosen und mit Tuba am weißen Sandstrand. Die brasilianischen und arg katholischen Zuschauer lachten sich buckelig, weil in dem Stück die Kirche ganz schön aufgezwickt wird. Dass das Publikum dank zeitverzögertem Untertitel immer an den falschen Stellen kuderte: geschenkt. Und dann auch noch die Geburtstagsparty vom Stückl, bei der die brasilianische Polizei anrückte. Ein Nachbar sah wohl nicht ein, weshalb er sich von lautstarken „Prosit der Gemütlichkeit“-Gesängen den Schlaf rauben lassen soll. „Ja, das war eine Gaudi“, sagt Stückl heute noch. Aber die eigentliche Sensation, die passiert am Dienstag. Der „Brandner“, dieses ewige Drama um Leben und Tod, das beim Volkstheater mehr Komödie als Drama ist, wird zehn Jahre alt. 275 Mal haben sie am Volkstheater dieses Stück gespielt, über den schlitzohrigen Brandner Kaspar, der noch nicht recht mitgehen mag mit dem Boandlkramer, als der ihn holen will. Der irdische Lump zückt ein Zaubermittel gegen den Tod, den Kerschgeist, und schwindelt dem Boandl beim Kartenspiel ein paar Lebensjahre ab. Und so weiter und so fort. Gibt es in Bayern jemanden, der den Klassiker nach der Vorlage von Kurt Wilhelm beziehungsweise seines Ururonkels Franz von Kobell noch nicht auf irgendeiner Dorfbühne gesehen hat? Fast 180 000 Zuschauer waren bislang im Volkstheater beim Ringen zwischen Alexander Duda als Brandner und Maximilian Brückner als Boandlkramer dabei. Mehr als jeder hundertste Bayer. Warum ist dieses Stück so verdammt erfolgreich? Stückl sitzt jetzt im Theater-Foyer, zieht an seiner Zigarette, sagt erst: „Ja mei, das weißt’ vorher nie.“ Dann: „Wir sind alle ständig mit dem Tod beschäftigt. Im ,Brandner' wird der Tod b'schissen, darüber kann der Mensch lachen.“ Stückl wiehert. Und erzählt eine Geschichte, die zeigt, dass der „Brandner Kaspar“ manchmal die Angst vorm Tod nimmt. Einmal, da ist die ganze „Brandner“-Truppe samt Zuschauern auf der Wiesn im Bierzelt. Es gibt - nun ja - viel Bier, und plötzlich kommt eine alte Dame zu Stückl. „Bei mir dauert’s nimma lang, i bin krank“, sagt sie. „Aber jetzt tät i gern mit'm Tod a Stamperl trinken.“ Stückl winkt Maxi Brückner alias Boandlkramer herbei, und die zwei, der Tod und die Todgeweihte, stoßen mit einem Klaren aufs Leben an. Brückner, der grad neben Stückl im Foyer sitzt, sagt: „Es freut mich, wenn die Leute sagen: So schlimm ist der Tod ja gar nicht.“ Dass er denen, die Angst davor haben, mit so einfachen Mitteln helfen kann. „Ich bin ja bloß ein einfacher Gaukler.“ Der Tod ist ein bescheidener Kerl. Man muss ja froh sein, dass es den Volkstheater-„Brandner“ überhaupt gibt. Das ist, so kann man das ruhig sagen, schon auch dem Sturkopf vom Stückl zu verdanken. Jahrzehntelang gibt es in Bayern genau einen wahren Boandlkramer. Den großen Toni Berger nämlich, der am Residenztheater ab 1975 den Tod spielt. Und spielt. Und spielt. Dann kommt der große Regisseur Dieter Dorn ans „Resi“, und setzt den volkstümlichen Publikumsrenner ab. Nach 1000 Darbietungen. Dorn sagt, so geht die Legende und so erzählt's auch Stückl selbst: „Dann soll ihn der Stückl machen. Zu dem passt’s.“ Der ist grob beleidigt und denkt sich: „Den ,Brandner', den alten Schmarrn, den mach i ned.“ Es kommt, wir wissen es, anders. Stückl plant zu dieser Zeit die „Dreigroschenoper“, er will sie mit den Jungen Riederinger Musikanten aufziehen. Kriegt aber die Rechte nicht. Und entscheidet: „Dann machma den ,Brandner‘, aber extra bled.“ Bled im Lausbuben-Sinn. Und Brückner, damals erst 26, tritt in Bergers Fußstapfen, ach woher, er hüpft mit seinem Wahnsinns-Talent und der Unbeschwertheit der Jugend einfach drüber hinweg. Bis heute. „Wir sind alle miteinander alt geworden“, sagt Stückl. „Aber man merkt es nicht.“ Das ist, meint der Volkstheater-Chef, wie bei seiner alten Tante. „Die hat für mich auch immer gleich alt ausgeschaut.“ Freilich hat sich was verändert. Die Besetzung ist zwar bis auf ein paar Ausnahmen noch die alte (das „Marei“ ist mal schwanger geworden, Brückners Schwester Susi sprang ein). Aber: Viele Schauspieler, die vor zehn Jahren Ensemble-Mitglieder waren, sind längst nicht mehr fest am Theater und gut beschäftigt - trotzdem kehren sie immer wieder zurück an die Brienner Straße. Stefan Murr zum Beispiel, der regelmäßig große Rollen beim Nockherberg-Singspiel bekommt (heuer: Verkehrsminister Dobrindt), spielt beim „Brandner“ den Tagelöhner Florian. Brückner hat als „Tatort“-Kommissar gedreht, Kino-Filme gemacht - und die vierte Garnitur seines Boandlkramer-Kostüms fast durchgewetzt. Und trotzdem freut er sich noch auf jeden einzelnen „Brandner Kaspar“. „Das ist ein Geschenk“, sagt er. „Sowas kriegt man bloß ein Mal.“ An der Dramaturgie hat Regisseur Stückl nichts verändert in all den Jahren. Trotzdem ist jede Vorstellung anders. Im Passionstheater Oberammergau, auch da gibt es seit 2010 regelmäßig Gastauftritte, dauerte die Vorstellung einmal nicht wie sonst drei Stunden, zehn Minuten inklusive Pause. Sondern eine halbe Stunde länger, weil die Leute so viel lachten zwischendurch. Brückner brach sich mal fast die Zehen, als er voller Zorn mit dem Haxn ausholte und gegen die Kulisse donnerte - das dünne Sperrholz, das er an dieser Stelle gewohnt war, hatten sie gegen eine massive Platte ausgetauscht. Und manchmal, sagt Brückner, macht die eigene Situation eine Aufführung ganz besonders. So wie damals, als kurz vor der Vorstellung ein Volkstheater-Kollege gestorben war, Brückner ging auf die Bühne, das Herz schwer vor Trauer. „Sonst hab ich Firlefanz gemacht“, sagt er. An diesem Abend nicht. „Die Bedeutung von Tod hat plötzlich eine ganz andere Tiefe bekommen.“ Sie haben es ja nicht so geplant, dass „Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben“ ewig geht. Aber was willst machen, wenn beim Vorverkauf schon in der Früh 150 Leute anstehen - zumindest war's die ersten Jahre so. Und deshalb haben sie einfach immer weitergemacht. Es gibt Zuschauer, die sind richtig süchtig. Ein Fan reiste auf eigene Kosten mit nach Rio. Ein Stammgast im Volkstheater trieb Brückner und die anderen Schauspieler fast in den Wahnsinn. 50 Vorstellungen am Stück saß er vorne links. „Der hat immer mitgeredet, und zwar ein paar Takte vor mir“, sagt Brückner. „Da wirst verrückt.“ Der Mann nannte sich „Boandl“, seine Begleitung „von Zieten“, das ist der Preiß im Stück. In den ersten zwei Jahren haben sie den „Brandner“ 100 Mal gespielt, jetzt noch ungefähr zweimal im Monat. Wie lange, Herr Stückl, Herr Brückner, geht das noch so weiter? Wann ist Schluss? „Wenn es nicht mehr voll wird“, sagt Stückl. „Ich tät's nicht aufhören“, sagt Brückner. „Vielleicht müssen wir doch mal was ändern“, sagt der Regisseur dann. Es gibt da diese Szene, wo der Boandlkramer sportlich auf den Tisch hüpft. „Irgendwann wird er das nicht mehr können, der Maxi“, sagt Stückl, und lacht. „Dann kriegt der Tod halt einen Treppenlift.“ Die Jubiläumsvorstellung und die am 5. Mai sind ausverkauft. Pro Monat gibt es ca. zwei Termine, die nächsten werden am Dienstag festgelegt. Für das Gastspiel in Oberammergau am 10. und 11. Juli gibt es noch Karten (Tel. 089/ 523 46 55) Von Carina Lechner, OVB-online.de, 4. April 2015
Und läuft und läuft - Zehn Jahre, 274 Vorstellungen und noch immer dasselbe Team: "Der Brandner Kaspar" am Volkstheater München – Eines Tages, irgendwann im Jahr 2006, reichte die Menschenschlange von der Kasse des Volkstheaters hinaus in den Hof und bis vor zur Brienner Straße. Einige hatten Klappstühle dabei, auf denen sie warteten. Es war Vorverkaufsstart für den "Brandner Kaspar". Das war der Moment, als Maxi Brückner wusste: „Das wird was Großes.“ Ziemlich genau zehn Jahre ist das her, 274 Vorstellungen "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" sind gespielt, mehr als 178 815 Menschen, die Tourneen mitgerechnet, haben die Inszenierung Christian Stückls gesehen. Franz von Kobells Geschichte vom Brandner Kaspar, der dem Tod beim Kartenspiel ein paar zusätzliche Lebensjahre abluchst, ist bayerisches Kulturgut, die Volkstheater-Inszenierung ein Selbstläufer. Noch ist jede Vorstellung ausverkauft. Kathrin von Steinburg, 37, Stefan Murr, 38, und Maxi Brückner, 36, treffen sich ein paar Tage vor dem Jubiläum im Foyer des Volkstheaters. Normalerweise sehen sie sich nur an Brandner-Tagen, etwa zweimal im Monat. Sie erzählen. Von dem einen Mal, als die Vorstellung komplett ausfallen musste, weil der Stückl dem Maxi Brückner bei Proben zu einem anderen Stück versehentlich einen Stuhl über den Kopf gezogen hatte und Brückner mit Gehirnerschütterung darniederlag. Ein anderes Mal, von Steinburg war gerade schwanger, platzten ihr auf der Bühne beim tiefen Luftholen die Blusenknöpfe weg. Sie erzählen von einem Fan, der immer einen Hut trug und eine Zeitlang zu jeder Vorstellung kam und immer in der ersten Reihe saß. Keiner wusste, wer er war. Als Stefan Murrs Sohn 2007 geboren wurde, hetzte er zwischendurch vom Kreißsaal ins Theater, um zu spielen. Christian Stückl, sofort Herr der Lage, arrangierte ein paar Szenen so um, dass Murr schneller fertig war und direkt zurück ins Krankenhaus flitzen konnte. Sie berichten auch vom unvergleichlich wuchtigen Applaus, der sie jedes Mal überschwemmt und der es unmöglich macht, eine schlechte Leistung abzuliefern, auch nach 274 Vorstellungen. Und sie erzählen vom Tod eines Mitarbeiters des Volkstheaters, nach dessen Beerdigung sie am Abend dem Brandner Kaspar spielten. Die Schwere, die Trauer, die irgendwo unter den großartig komischen Texten liegt, war an jenem Abend spürbar, der Tod ein wenig ernster als sonst. Nie wieder hätten sie so gespielt, sagt Brückner. Natürlich berichten sie von der Gastspielreise nach Rio de Janeiro im Jahr 2006. Die Brasilianer, ein zutiefst katholisches Volk, hätten erstaunlich gut auf die Geschichte reagiert, zeitlich etwas versetzt zwar, wegen der eingeblendeten Übertitel. „Nur mit den Engeln hatten sie gewisse Probleme“, sagt Brückner, „weil sie es sehr befremdlich fanden, dass bei uns im Himmel leichtbekleidete Männer herum hüpfen.“ Jeder der Schauspieler führt inzwischen ein anderes Leben als das vor zehn Jahren. Filme, Theaterengagements, Tatorte, Kinder, Ehen - in zehn Jahre kann man eine ganze Menge Leben packen, wichtige Entscheidungen treffen und wieder verwerfen. Einige der Darsteller wohnen nicht mal in München, aber machen die Brandner-Termine jedes Mal möglich. „Es ist toll, dass der Brandner etwas ist, was immer gleich bleibt. Eine Konstante im Leben“, sagt Maxi Brückner. „Das begleitet dich durch gute und schlechte Zeiten“, sagt Kathrin von Steinburg. Ihre Rolle der Marei ist die einzige, die zwischendurch umbesetzt werden musste: Sie hat in den zehn Jahren zwei Kinder geboren. Dabei wollte Stückl damals eigentlich "Die Dreigroschenoper" inszenieren. Zu groß war die Angst vor dem Vergleich mit der Brandner-Inszenierung von Kurt Wilhelm am Residenztheater aus dem Jahr 1975, in der Toni Berger mehr als tausend Mal den Tod gespielt hatte. Doch dann rückten die Erben Kurt Weills die Rechte nicht heraus, Stückl disponierte um und schuf mit Maxi Brückner einen so jungen Tod, dass jeder Vergleich obsolet wurde. Am 7. April läuft die 275. Vorstellung des Stücks, eine Absetzung ist nicht geplant. „Ich denke, jeder möchte dem Tod ein Schnippchen schlagen, weil alle Angst vor ihm haben“, sagt Brückner auf die Frage, warum das Stück so erfolgreich ist. Murr fügt an: „Aber wenn man dann sieht, dass der Tod menschlich ist, sogar ein verletzlicher Typ, wird das ernste Thema irgendwie greifbarer.“ Außerdem sei es im Brandner-Himmel genauso wie auf Erden. Nur schöner. Von Christiane Lutz, Süddeutsche Zeitung, 4. April 2015, S. R18
Jubiläumsvorstellung
im Münchner Volkstheater - Der "Brandner" und seine
treuen Zuschauer
Lenggries/München - Seit genau zehn Jahren zeigt das Volkstheater München den "Brandner Kaspar". Auch die 276. Vorstellung der Inszenierung von Christian Stückl ist ausverkauft. Einer der treuesten Zuschauer kommt aus Lenggries. Er sitzt eigentlich nicht so gerne in der ersten Reihe. „Da muss ich den Kopf so weit nach links und rechts drehen, um alles zu sehen.“ Aber am Dienstag macht es sich Sigi Gerg auf dem Ehrenplatz direkt vor der Bühne des Münchner Volkstheaters gemütlich. Auch bei der Jubiläumsvorstellung soll dem Lenggrieser Theater-Fan nichts entgehen. Dabei kennt er die Inszenierung in- und auswendig. 35-mal hat er den "Boandlkramer" schon gesehen. Nicht nur in München, sondern auch in Riedering, Oberammergau und Bozen. Ja und eben auch in Rio de Janeiro. „Einer ist uns bis nach Brasilien nachgereist“, sagt Regisseur Christian Stückl nach der umjubelten Jubiläumsvorstellung und deutet auf den Sigi in der ersten Reihe. Die treuen Zuschauer und die seit zehn Jahren unveränderte Schauspielertruppe: „Ihr seid miteinander schuld an dem Erfolg“, sagt der Intendant, nachdem sich die Begeisterungsstürme gelegt haben. Stückl kramt in den Erinnerungen: Bei dem Gastspiel in Brasilien haben sie ihm gesagt, sie stellen sich den Himmel voller schöner Frauen vor. In dem bayerischen Stück sähen sie dagegen nur junge Männer als Engel. „Brasilianer und Bayern miteinander im Himmel - das wär's“, scherzt Stückl. Inzwischen hat die Anspannung nachgelassen. Während der über dreistündigen Aufführung steht der Regisseur mal links, mal rechts neben der ersten Reihe. Gespannt hängt er an den Lippen der Darsteller und registriert die Reaktion des Publikums. Jede Pointe sitzt, auch wenn die letzte Vorstellung schon fünf Monate her ist. In den Gesichtern der Ehrengäste ist die Begeisterung zu lesen, die der Dauerbrenner auch nach zehn Jahren noch entfacht: Münchens Alt-Oberbürgermeister Christian Ude und seine Frau Edith von Welser-Ude sind ebenso begeistert wie Josef Schmid. Der stellvertretende Chef der Landeshauptstadt und dessen Frau Natalie sind zum ersten Mal im "Brandner". „Es wird nicht der letzte Besuch sein“, sagen sie schon in der Pause. Kurz zuvor ist Sigi Gerg unruhig geworden. „Pass auf, jetzt kommt gleich meine Lieblingsstelle“, flüstert er. Alexander Duda leert als "Brandner Kaspar" eine halbe Bier auf ex - und fällt mit hochrotem Gesicht auf den Tisch. Der scheinheilige Bürgermeister Alois Senftl (Hans Schuler) fragt fassungslos: „Is er hi?“ Nein, den Gefallen tut ihm der Kaspar nicht, er ist nicht tot, er hat ja dem Boandlkramer mit seinem betrügerischen Kartenspiel und viel Kerschgeist 18 Lebensjahre abgeschwindelt. Sigi Gerg mag die Schauspielerei. In jungen Jahren ist er selbst mit der Lenggrieser Kolpingsfamilie auf der Theaterbühne gestanden. Inzwischen beschränkt er sich aufs Zuschauen. 2005 hat er den "Brandner" zum ersten Mal gesehen - mit anschließendem Wiesn-Besuch. „Da lernt man sich schnell kennen“, sagt der Lenggrieser. Der 68-Jährige ist längst mit allen Schauspielern per Du - mit "Boandlkramer" Maximilian Brückner und Stefan Murr ("Flori") aus Bad Tölz ebenso wie mit "Portner" Peter Mitterrutzner. Und erst recht mit den Riederinger Musikanten. Heute ziehen sie mit ihren Schnaderhüpfeln Bayerns Vize-Ministerpräsidentin auf - und Ilse Aigner kann herzlich lachen: „Ja die Ilse, jeden will sie.“ Das ist das Schöne an dem Theater: „Jede Aufführung ist ein bisschen anders“, sagt Sigi Gerg. Deshalb ist längst schon die nächste Vorstellung gebucht - im Herbst zur Wiesn-Zeit. Von Alois Ostler, Merkur-online.de, 9. April 2015
Wenn er kommt, setzt ein Schneewehen ein, brrrr ... der Winter unseres Missvergnügens. Zwielichtig steht er in der Tür, hager, bleich und abgerissen: der Knochenkrämer, bairisch: Boandlkramer, vulgo: der Tod. Eine Gestalt wie eine Vogelscheuche. Barfüßig. Zahnluckert. Hohlaugert. Mit zerbeultem Zylinder und Fetzenfrack. Wahrlich, ein Schreckgespenst! Und doch: ein armer Teufel. Subalternes Faktotum und froschagiler Springinsfeld. Freund Heini. Macht halt auch nur seinen Job. Maximilian Brückner spielt den gefürchteten Killer am Münchner Volkstheater derart entzückend als spillerigen Kobold, naiven Kasperl und menschelnden Kauz, dass man ihn direkt lieb haben und ein bisschen bemitleiden muss. Was für ein Scheiß-Beruf aber auch! Der einsamste, undankbarste von der Welt. Nichts als Angst, Widerstand, Ärger. Immer nur Kummer. Nie mal ein Spaß. Kein Wunder, dass der Kerl schwach wird, als ein bayerischer Bazi namens Brandner Kaspar ihm ein Schnapserl anbietet. Und dann noch eins und noch eins. Zwölf an der Zahl. Allerbester Kerschgeist. Da wird dem Boandlkramer erst furchtbar schlecht, dann ganz schön heiß (ums weiche Herz und in den schlacksigen Gliedern), bis er schließlich im Vollrausch die alleransteckendste Lustigkeit entwickelt. Dass er sodann beim Kartenspiel vom Todeskandidaten übers Ohr gehauen wird, ist der Clou in Kurt Wilhelms Volksstück „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“ und muss im weiteren Verlauf des Stückes auf himmlischen Befehl wieder wettgemacht werden. Was in der Inszenierung von Christian Stückl ein Heiden-, pardon: ein Erzkatholikenspaß ist. Zehn Jahre steht sie nun schon auf dem Volkstheater-Programm, in dieser Woche wurde Jubiläum gefeiert. Die 275. Vorstellung - und immer noch so puttenfrisch, kerschgeistbeseelt und bayernklischeeverspielt wie am Anfang. Absolut kultig. Was inhaltlich vielleicht nur Bayern verstehen. Theatralisch aber wird die Begeisterung jeder verstehen, der Maxi Brückners Boandlkramer-Furioso sieht. Zum Niederknien. Von Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung, 11. April 2015, S. 16
Heiliger Portner, war das ein Aufschrei! Die Traditionalisten schäumten: Der neue Residenztheater-Intendant Dieter Dorn hatte 2001 die Kult-Aufführung "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" aus dem Repertoire gestrichen. Seit 1975 war das Stück von Kurt Wilhelm in dessen eigener Inszenierung 1000 Mal gespielt worden - mit legendären bayerischen Volksschauspielern: Fritz Strassner war der listige Brandner Kaspar, Toni Berger der ausgetrickste Boandlkramer, Gustl Bayrhammer der Himmels-Pförtner (Portner) Petrus. Die Protagonisten wechselten, aber die Aufführung blieb über 25 Jahre ein Dauerbrenner. Dorn konnte gute Gründe für die Absetzung vorschieben: Die baufälligen Kulissenhätten komplett erneuert werden müssen. Doch wer Dorns Ästhetik aus seiner Kammerspiele-Ägide kannte, der wusste, dass die altbackene Staatstheater-Inszenierung nicht in sein Konzept passte. Der "Brandner Kaspar" gehöre eher an ein Haus wie das Münchner Volkstheater, meinte Dorn maliziös. Das übernahm 2002 gerade Christian Stückl. Der war wenig erbaut vom kollegialen Wink seines Ex-Chefs (Stückl hatte an den Kammerspielen mit "Volksvernichtung" seinen ersten großen Regie-Erfolg außerhalb der Oberammergauer Passionsspiele). "Meinen Spielplan mach’ i scho selber", grummelte er. Denn eben vom heimattümelnden Volkstheater wollte er ja weg. Aber der Dorn saß im Hinterkopf. Drei Jahre später las Stückl den Text in Ruhe. Und wusste, wie's gehen könnte. Der Tod musste jung sein: Dafür hatte er das Ausnahmetalent Maximilian Brückner. Mit dem waren aus Brückners Heimatdorf Riedering bei Rosenheim auch die Jungen Riederinger Musikanten als Gäste zum Volkstheater gestoßen: Acht Burschen und eine Frau, mit schräger, zwischen allen Stilen schrappelnder Blasmusik, mit unbändiger Spiellust und urwüchsigem Witz. Maxi spielte früher dort Tuba. Brückner und die Riederinger Laien waren zwei komödiantische Pfunde, mit denen Stückl wuchern konnte. Sie sind bis heute die Garanten eines Erfolgs, der bei der Premiere 2005 Publikum und Kritiker zur Begeisterung hinriss. Man musste kein Prophet sein, um wie ich damals zu schreiben: »Auch diese Aufführung hat das Zeug, Kult zu werden.« Im Juli 2013 wurde die 250. Vorstellung gefeiert, mittlerweile sind es 280. Und exakt am 7. April 2015 hat der Brandner Kaspar die ersten zehn Jahre seiner ergau- nerten Ewigkeit vollendet - natürlich mit einer Aufführung und einer großen Party. Stückl hat einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Volkstümelei geschafft. An Kurt Wilhelms Text hat er nicht viel verändert, aber er ist frisch, völlig unfromm, fröhlich und frei damit umgesprungen. Er mischt Kitsch, Komik und karikierte Klischees, Pomp und groteske Show-Einlagen: Ein Preuße schuhplattelt zum Schlager "Was kann der Sigismund dafür ...". Im barocken Hochaltar-Paradies schwingt Erzengel Michael mit Allongeperücke und Riesenflügeln beleidigt sein Schwert, wenn die gern in Horn, Trompete oder Posaune stoßende Rasselbande nicht spurt. Denn die frechen Riederinger (B)Engel mit Flügelchen über Lendenschurz und Lederhosen warten lieber auf die Weißwürste, zu denen ihnen Teufel Luzi am Dreizack frische Brezn bringt. Ein wunderbares Komödiantenpaar sind Alexander Duda als knorriger, schlitzohriger Brandner und Maximilian Brückner als Zappelphilipp Boandlkramer: Wie der sich mit Kirschgeist und Falschspiel beim Karteln über den Tisch ziehen lässt und dafür im Himmel verantworten muss, spielt Brückner so hinreißend menschlich-komisch, dass man mit diesem Tod einfach Mitleid hat. Vor allem, wenn er auf einem hohlen Säulensockel sitzt, aus dem ihm seine weggeworfene Zigarette den Hintern heiß macht. Die Respektlosigkeit gegenüber katholischen Traditionen begeisterte auch auf der anderen Seite der Welt. 2006 wurde der "Brandner" von SESC, der größten Kulturorganisation Brasiliens, zu einem Gastspiel nach Rio de Janeiro eingeladen. Ein riesiger Aufwand, vierzig Leute gingen auf die Reise. Das Bühnenbild wurde vorher in Rio nachgebaut, weil die Bühne des SESC-Theaters um ein Drittel kleiner war. Ein Extra-Gag des Bühnenbildners Alu Walter: Statt eines Mini-München-Panoramas ruckelte unter der fliegenden Himmelskutsche eine Rio-Silhouette mit dem Corcovado-Christus über die Bretter. Die Erzengel-Flügel aus Hühnerfedern bekam man nur mit Mühe vom Zoll frei - die Einfuhr tierischer Produkte istverboten. Der Text wurde erst in Hochdeutsch und dann für die Untertitel in Portugiesisch übersetzt. Jeder Schauspieler sprach wenigstens einen portugiesischen Satz - immer ein Lacher. Und die Brasilianer - nicht nur die deutschsprachigen Cariocas - feierten die bajuwarische Exotik enthusiastisch. Weil ihnen die barocke, witzige Lebensprallheit wesensnah war. Auch auf dem Zuckerhut fanden die Riederinger in Lederhosen und Flipflops ("Apostelbereifung") Fans mit einem Schuhplattler: Auf den "Samba Bavaria" reagierten die Kids lachend mit Capoeira. Der Brandner Kaspar ist weltläufig geworden, der Brückner Maxi ein Film- und Fernsehstar, und die Jungen Riederinger etwas älter. Mit Job und Familie können sie nicht mehr so oft zum Spielen nach München fahren. Was den Kultstatus der raren, stets ausverkauften Aufführungen erhöht. Der nächste Volkstheater-Termin steht noch nicht fest, auf jeden Fall spricht der Boandlkramer im Juli wieder im Passionstheater Oberammergau dem Schnaps zu. Wir wetten um einen Kirschgeist, dass dieser "Brandner Kaspar" bis zuseiner Abberufung in die heiligen Gefilde der Theaterhistorie mehr als 300 Aufführungen schafft und wagen die kühne Hoffnung, dass Christian Stückl sein noch zu bauendes Volkstheater 2020 damit eröffnet. 1871 erschien von Franz von Kobell eine kurze Erzählung: "Die G'schicht vom Brandner Kasper". Den will der Tod (der Boandlkramer = Knochenhändler) holen, aber der Brandner luchst ihm mit Kirschgeist und Karten-Falschspiel noch 18 Lebensjahre ab. Als der Schwindel im Himmel auffliegt, überredet der Tod den Brandner zu einer Stippvisite im Paradies. Die Erzählung bearbeitete Josef Maria Lutz 1934 für die Bühne, das Stück wurde mehrmals verfilmt - zuletzt 2008 von Joseph Vilsmeier mit Bully Herbig als Boandlkramer und Franz Xaver Kroetz als Brandner. 1975 schrieb der BR- Redakteur Kurt Wilhelm, ein Ururgroßneffe Kobells, für das Cuvilliéstheater eine Fassung, die er selbst inszenierte. Sie wurde 25 Jahre lang gespielt. 2005 inszenierte Christian Stückl das Stück am Münchner Volkstheater. Von Gabriella Lorenz, Münchner Feuilleton, April 2015
Der Alternativvorschlag fürs Münchner Volkstheater: [...] Als erstes wäre hier der "Brandner Kaspar" (ist seit über 10 Jahren immer noch ständig ausverkauft) zu nennen - die urbajuwarische Geschichte über den Brandner Kaspar, der den „Boandlkramer“, den Tod, mit Kirschgeist abfüllt und beim Karteln bescheißt, lässt seit Jahrzehnten die bayerischen Weißbierwampen vor Lachen erzittern. Im Volkstheater trumpft Stückls Version vor allem mit einem energiegeladenen Maximilian Brückner, der den Tod so einzigartig gut spielt, dass man geneigt wäre, ohne Widerrede mitzugehen, sollte der knochige Geselle denn einmal vor der eigenen Haustüre auftauchen (und dabei bestenfalls aussehen wie Maximilian Brückner). [...] Von Juliane Becker, Das ist Kunst und das kann weg: Der Anti-Theater-Guide, 7. Januar 2016
Anders kann man die Geschichte von Franz von Kobell, die Jahr für Jahr (vor allem zur Weihnachtszeit) in sämtlichen Fassungen im Fernsehen läuft, nicht beschreiben. Erstmals flimmerte auf der Basis der Theaterfassung von Joseph Maria Lutz 1934 der Film "Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies" 1949 mit Paul Hörbiger und Carl Wery in die Wohnzimmer. 1954 folgte eine weitere Version ehe Kurt Wilhelm 1975 "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" mit Fritz Straßner als Brandner Kaspar, Toni Berger als Boandlkramer und Gustl Bayrhammer als heiliger Portner produzierte. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. So in etwa müssten die Gedanken des Volkstheater-Intendanten Christian Stückl gewesen sein, als er sich schließlich 2005 an das legendäre Kultstück heranwagte. Mit Erfolg! Warum sonst, ist jede einzelne Aufführung noch heute - elf Jahre nach seiner Premiere - im Münchner Volkstheater ausverkauft?! Kurz erzählt: Der Brandner Kaspar (Alexander Duda in seiner bisher besten Rolle), ein bayerischer Bazi mit viel Freude am Leben füllt den zerzausten, zahnlückigen Boandlkramer, meisterhaft gespielt von Maximilian Brückner (ein befürchteter Vergleich zu Toni Berger kommt gar nicht erst auf), mit Kerschgeist ab und bescheißt ihn anschließend beim Kartln um weitere 18 Lebensjahre. Als der Schwindel im Himmel auffliegt, soll der „Boandl“ den Dickschädel Brandner ins Paradies locken - tot oder lebendig. Eine schwere Aufgabe für den immer ehrlichen Tod. Deshalb verspricht er dem Brandner, dass er ins Paradies reinschauen darf. Und mit Freuden möchte er oben bei den Engeln (den fabelhaften Riederinger Musikanten verkleidet als Weißwurst zuzelnde Engelchen) bleiben, doch der schräge, mit Schminke zugekleisterte Erzengel Michael (Hubert Schmid) weiß, dass aufs Lügen und Betrügen Fegefeuer steht. Mit dem „Boandl“ als Verteidiger, kämpft der Brandner um sein Glück und wird vom Portner Petrus (Peter Mitterrutzner) ins Paradies gelassen. Christian Stückl hat es geschafft: Aus einem einst disziplinierten, lustigen Bauernstück mit tieferem Hintergrund wurde ein urkomisches peppiges Werk, bei dem jeder Zuschauer a Gaudi hat. Genauso genial sind auch die Maske und die Bühnendeko mit der fichtendunklen Fototapete, der graugrünen Wirtsstuben oder dem Himmelstor. Und so verwundert es nicht, dass die Darsteller nach 3 ¼ Stunden harter Arbeit, jedes Mal das bekommen, was sie verdienen: tobenden Applaus und keinen Zweifel daran, dass auch diese Aufführung „Kult“ geworden ist. Von Stephanie Fischer, Monaco de Luxe, 9. November 2016
Mein Kurzbericht (und offenbar auch der einzige überhaupt) zur 300. Vorstellung von "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" des Münchner Volkstheaters früher am Abend des 13. Januar 2017: Die 300. Vorstellung ist inzwischen vorbei, das Fest im Foyer ist noch im Gange. Christian Stückl sprach vor Beginn der Vorstellung ein paar Worte, erwähnte dass inzwischen wohl um die 200.000 Besucher die Inszenierung in München, Rio (wo die Zuschauer dank portugiesischer Übertitel alles verstanden und an den richtigen Stellen gelacht haben - im Gegensatz zu München, wo Zuschauer sich manchmal zu fein sind um zu lachen), Südtirol (wo sie die Sprache nicht verstanden haben), Oberammergau und Riedering gesehen haben; dass es ihn besonders freut, dass immer noch fast alle Darsteller die damals die Premiere spielten dabei sind, und nicht wie damals im Resi, als am Ende niemand mehr von der Originalbesetzung dabei war; dass nicht nur die Engerl seit der Premiere dicker geworden seien sondern vor allem auch ihr Regisseur und sie alle miteinander noch länger weitermachen wollen. Alle Schauspieler hatten sich auf offener Bühne versammelt und sangen ein schönes bayerisches vielstrophiges Geburtstagslied für Maxi, nachträglich zu seinem 38. Geburtstag am 10. Januar, der darüber sehr gerührt war. Den Boandl haben sie heute beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding gefunden (und nicht bei den Passionsspielen in Erl wie bei den Vorstellungen im Sommer), später im Stück verwickelte er seine Haare versehentlich mit dem Schirmstiel, der Brandner entwirrte ihn breitgrinsend wieder mit "Ja, da schaugst!", die Zuschauer hatten ihren Spass dabei und die beiden dann einen Texthänger. Im Publikum so ziemlich der gesamte Familien- und Freundesanhang aller Schauspieler, und beinahe alle ehemaligen Engerl - einer davon hüpfte sogar kurz mit durch den Himmel. Ich sass neben der Familie von Kathrin von Steinburg (Marei), die sehr gespannt waren auf die Änderungen seit ihrem letzten Besuch und von denen einige in der heutigen Aufzählung der Sünden des Brandners vorkamen, und konnte vorher ein paar Worte mit den Perlseer Dirndln wechseln und ihnen zu ihrem Auftritt in der Weihnachtsendung von "Wir in Bayern" gratulieren, und hinterher noch mit dem Georg Staber, dem Spielleiter vom "Riederinger Krippenspiel" und Chef der Herrenschneiderei Staber. Nach der Vorstellung wurden Bierbänke und -tische ins Foyer geschleppt, auch von Christian Stückl, damit wer mitfeiern wollte auch Platz zum Sitzen und fürs Essen und Trinken fand. Ja, es war mal wieder schön - und der Maxi ist immer noch so bieglich wie zu Beginn seiner Zeit als Boandlkramer - und dass obwohl inzwischen beinahe 14 Jahre vergangen sind .... © EFi, 13. Januar 2017
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